Erhöhte Erschöpfbarkeit
Die erhöhte Erschöpfbarkeit ("Fatigue") ist ein häufiges Symptom der MS und unterscheidet sich deutlich von der Müdigkeit, wie sie von gesunden Menschen angegeben wird und auch von den MS-Betroffenen selbst vor Ausbruch der Erkrankung erlebt wurde: Die Patienten geben eine zunehmende Schwäche und Mattigkeit an, die belastungsabhängig oder im Tagesverlauf stärker wird und beklagen einen Antriebs- und Energiemangel sowie ein dauerhaft vorhandenes Müdigkeitsgefühl, das sich sowohl auf die geistige als auch die körperliche Leistungsfähigkeit auswirken kann.
Häufig berichten die Betroffenen über eine Verschlechterung bei Wärme ("Uhthoff-Phänomen"). Viele Patienten leiden täglich oder nahezu täglich unter diesem Symptom, das üblicherweise sechs Stunden und mehr am Tag vorhanden ist und gegen Abend stärker wird. Nicht selten wird dadurch sowohl die Lebensqualität als auch die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit so stark beeinträchtigt, dass eine vorzeitige Berentung nötig wird und die Betroffenen sich immer mehr von sozialen Aktivitäten zurückziehen. Da die medikamentöse Therapie der Fatigue in der Regel nicht sonderlich erfolgreich ist, stehen nicht-medikamentöse Massnahmen im Vordergrund des Behandlung. Von besonderer Bedeutung dabei ist es zunächst, die Fatigue als solche zu erkennen und die Patienten und deren Angehörige darüber aufzuklären, dass die erhöhte Ermüdbarkeit zu der Erkrankung "MS" dazugehört und eben nicht durch z. B. fehlende Willenskraft bedingt ist. Andere, zur erhöhten Müdigkeit führende Ursachen wie Nebenwirkungen von Medikamenten (insbesondere solche zur Verringerung der spastischen Tonuserhöhung), akute Infektionen, eine Depression oder Schlafstörungen müssen ausgeschlossen bzw. angemessen behandelt werden. Viele Patienten kommen gut damit zurecht, eine oder mehrere Ruhepausen am Tag einzulegen. Körperliches Training, vor allem mit Ausdauersportarten wie "Nordic Walking" oder auf dem Fahrradergometer, steigert die körperliche Belastbarkeit.
Die Wirksamkeit mehrwöchiger Rehabilitationsmassnahmen ist gut belegt; hierbei können neben regelmäßigem und intensivem körperlichen Training auch Strategien zum effektiven Einsatz der verfügbaren Energie vermittelt und die Betroffenen im Gebrauch von Hilfsmittel geschult werden. Vor allem bei Betroffenen mit erhöhter Wärmeempfindlichkeit kann die Senkung der Körpertemperatur und die Vermeidung von Hitze erfolgreich sein. Die Kühlung des Körpers kann entweder durch Kühlelemente, die mittlerweile in verschiedenen Bekleidungsstücken wie Kühlwesten, Stirnbändern, Nackentüchern, Kühlhauben oder Kühlstrümpfen zur Verfügung stehen, durch kalte Bäder oder durch den Einsatz von Klimaanlagen in Haus oder Auto erfolgen. Da Flüssigkeitsmangel die Fatigue-Symptomatik verstärken kann, ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Angestrebt werden sollte eine Trinkmenge von 2 - 3 l mehr, bei hohen Umgebungstemperaturen entsprechend mehr. Dies ist vor allem für die MS-Betroffenen bedeutsam, die aufgrund ihrer Blasenstörung zu wenig trinken, um damit häufige Toilettengänge zu vermeiden.
Medikamentöse Maßnahmen sind meistens unbefriedigend, allerdings kann im Einzelfall ein Therapieversuch mit Amantadin (PK-Merz ) in einer Dosierung von bis zu 2 x 100 mg täglich zumindest teilweise erfolgreich sein. Aminopyridine (4-Aminopyridin, 3,4-Diaminopyridin) können auf ärztliche Einzelverordnung von einem Apotheker angefertigt werden. Die Substanzen sind offenbar bei wärmeabhängigen motorischen Funktionsseinschränkungen besser wirksam. Eine neuere Behandlungsmöglichkeit stellt Modafinil (Vigil ) dar, ein -adrenerges Medikament, das zur Behandlung der Schlafattacken bei der Narkolepsie, aber nicht für die MS-assoziierte Fatigue in Deutschland zugelassen ist. In einer ersten, plazebo-kontrollierten Studie zeigten sich bei einer Dosierung von 200 mg, nicht aber für 400 mg, positive Effekte auf die subjektiv erlebte Erschöpfbarkeit. Diese Ergebnisse konnten in einer kürzlich veröffentlichten, französischen Studie mit insgesamt 115 Patienten nicht bestätigt werden, dennoch kann die Substanz im Einzelfall wirksam sein. Die zu erwartenden Nebenwirkungen umfassen Nervosität, Schlafstörungen (und damit bei zu hoher Dosierung möglicherweise die Verschlechterung der Fatigue-Symptomatik), Herzrasen, Schwindel und Leberwertveränderungen. Auch antriebssteigernde Antidepressiva wie die Noradrenalin- oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer können versucht werden.



