Immunprophylaktische Therapie
Eine kausale Therapie bzw. Heilung der MS ist bis heute nicht möglich. Die pathogenetisch definierten Ziele der kausal orientierten, immunprophylaktischen Therapie umfassen Beendigung der akuten entzündlichen Vorgänge, Wiederherstellung der Balance zwischen immunstimulierenden und -dämpfenden Mechanismen, langfristige Inaktivierung autoreaktiver T-Lymphozyten, Hemmung der Narbenbildung und Förderung der Remyelinisierung. Klinisch unterscheidet man die Therapie des akuten Schubes mit dem Ziel, die Schubdauer abzukürzen, von einer langfristigen, prophylaktischen Therapie mit dem Ziel, die Schwere und Häufigkeit von Schüben zu verringern und das Ausmaß der fortschreitenden Behinderung günstig zu beeinflussen.

Wirkmechanismen der immunprophylaktischen Therapie
Während bei den globalen (unspezifischen) immunsuppressiven Maßnahmen wie beim Einsatz von Mitoxantron, Azathioprin und Cyclophosphamid die therapeutische Wirksamkeit auf einer allgemeinen Hemmung der Immunzellen beruht, besteht der Wirkmechanismus der Interferon- -Präparate vor allem in der Verminderung der IFN- -induzierten entzündungsvermittelnden Effekte. Daneben könnten die Hemmung der T-Zell-Vermehrung, die Unterdrückung der Expression von HLA-Klasse-II- und Adhäsionsmolekülen, die Steigerung der T-Suppressor-Zell-Aktivität und die Blockade von Metalloproteinasen und Chemokinen sowie die verminderte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke für die klinische Wirksamkeit bedeutsam sein.
Glatiramerazetat, ein synthetisches Eiweißgemisch eines MBP-Analogons, das ursprünglich zur Krankheitsauslösung im Tiermodell der MS entwickelt wurde und bei dem sich schnell zeigte, dass es die Erkrankung im Gegensatz zu der erwarteten Reaktion abschwächen konnte, soll aufgrund seiner Ähnlichkeit zum MBP durch Wechselwirkungen mit HLA-Molekülen auf der Oberfläche antigenpräsentierender Zellen die Aktivierung glatiramer-azetat-reaktiver Zellen bewirken und dadurch myelinreaktive T-Lymphozyten blockieren. Daneben wird die Umwandlung der T-Helfer-Zellen hin zu Th2-Zellen mit antiinflammatorischen Eigenschaften (sog. "T-Zell-Shift Th1 ' Th2") und die Produktion von Nervenwachstumsfaktoren, sog. neurotropher Faktoren ("brain-derived neurotrophic factor", BDNF) als Wirkmechanismus diskutiert. Ein neuer und spezifischer Therapieansatz ist Natalizumab (Tysabri), das ein Antikörper gegen Zelladhäsionsmoleküle darstellt und seit Juni 2006 zur Behandlung der schwer schubförmigen MS in Deutschland zugelassen ist.
Andere Therapieansätze mit spezifischeren Wirkmechanismen wie beispielsweise die Impfung mit Immunzellen, die Gabe von anti-CD4-Antikörpern, Myelinbestandteilen, oralem Myelin oder der Einsatz von TGF-ß, löslichem TNF-Rezeptor, Interleukin-10 und Antikörpern gegen Zelladhäsionsmoleküle wie ICAM-1, VLA-4 und LFA-1 haben entweder in klinischen Studien keinen Erfolg gezeigt oder befinden sich noch in der Erprobung, ebenso wie Strategien zur Förderung der Remyelinisierung, der Neuroprotektion, der axonalen Regeneration oder die Behandlung mit rekombinanten Wachstumsfaktoren.



